Finanzen

02.12.2011
Zins-News: Merkel wird die Schleusen öffnen

Der Druck auf Angela Merkel nimmt täglich zu. Nicht nur die Anleger auf den Finanzmärkten treiben seit Wochen die Renditen von Spanien und Italien zu neuen Höchstständen und erzwingen damit kurzfristige Antworten der Politik. Auch die europäischen Politiker selbst erhöhen den Druck auf Deutschland, seine gewohnten Prinzipien aufzugeben. Nicolas Sarkozy kämpft um die Chance einer Wiederwahl bei den kommenden Präsidentschaftswahlen und versucht den unmöglichen Spagat zwischen Verschonung seiner Wähler und Sparmaßnahmen, die ihm das AAA-Rating für sein Land retten könnten.

Den Ausweg hat er schon längst gefunden und so versucht er seit Wochen Angela Merkel davon zu überzeugen: Die Europäische Zentralbank (EZB) muss die Schleusen aufmachen und sicherstellen, dass alle Euroländer ihre Staatsfinanzierung durch Aufkäufe der EZB sichern können. Die nächste rhetorische Attacke kam am Mittwoch von Währungskommissar Oli Rehn. Der stellte sich plötzlich vor die Fernsehkameras und erklärte, dass sich das Schicksal des Euro in den nächsten zehn Tagen entscheiden werde. Damit haben alle Marktteilnehmer begonnen, die Tage runterzuzählen. Der Druck für Merkel und Sarkozy, bis zum Gipfel am nächsten Wochenende eine wahrhaft umfassende Lösung zu präsentieren, ist noch einmal dramatisch gewachsen.

In gegenseitiger Abstimmung haben die großen Notenbanken der Welt die Refinanzierung für Banken günstiger gemacht und damit eine Kursrally an den Börsen ausgelöst, da immer mehr Investoren inzwischen glauben, dass das der nächste Hinweis auf die „große Lösung“ ist: Die uneingeschränkte Erklärung der EZB, dass sie alle Anleihen von Krisenstaaten kaufen wird, die ihr angeboten werden. Immer noch hält Frau Merkel an ihrer Rhetorik fest, dass sie weder Eurobonds noch EZB-Käufe zulassen wird.

Tatsache ist aber, dass sie fünf vor zwölf einknicken und das für sie einfach zu argumentierende Eingreifen der Notenbank zulassen wird. Schließlich ist die EZB ja „unabhängig“. Wenn die EZB daher bereit ist, diesen Schritt zu gehen, so kann das Frau Merkel gar nicht verhindern. Vielmehr wird sie sich dafür feiern lassen, dass sie die „Pest“, nämlich Eurobonds, die direkt den Kredit Deutschlands unterminieren würden, verhindert hat.

Schulden werden weginflationiert

Es wird auch argumentiert werden, dass damit die Zeit gewonnen wird, um nachhaltige Änderungen in den EU-Verträgen umzusetzen – mit automatischen Sanktionen und harten Strafen für Sünder. Was passiert aber mit den enormen Staatsschulden, die ja aufgrund von Sparprogrammen, schwächerer Konjunktur und damit ausfallenden Steuereinnahmen zumindest in den nächsten zwei Jahren eher weiter ansteigen werden, bevor eine Chance besteht, über die mittelfristigen Wirkungen einen tatsächlichen Rückgang der Neuverschuldung oder gar einen Schuldenabbau zu sehen?

Mit dem Eingreifen der EZB wird im letzten großen Wirtschaftsraum das Projekt „weginflationieren der Schulden“ gestartet. Die USA machen das schon seit zwei Jahren vor. Die Notenbank setzt die kurzfristigen Zinsen auf Null und manipuliert dann auch die langfristigen Zinsen für Staatsanleihen durch massive Aufkäufe gegen Null. Damit finanziert der Staat sich zu minimalen Kosten und kann auch eine exorbitante Staatsschuld locker bedienen. Parallel steigen die Preise durch eine immer größere Geldmenge, die im Umlauf ist (die Notenbank druckt ja schließlich Geld, um die Staatsanleihen kaufen zu können). Inflation entsteht.

Das heißt aber auch, dass die Wirtschaft nominal wächst, auch wenn real davon nichts übrigbleibt. Die Staatsverschuldung hat im Nenner das nominale Bruttoinlandsprodukt. Im Zähler steht der nominale Schuldenstand. Sind die Zinsen für eine längere Periode extrem tief bzw. deutlich unter der Inflationsrate, dann wird der Zähler im Vergleich zum Nenner kleiner. Die Verschuldungsquote sinkt.

Aber wer bezahlt für diese „Rückführung der Verschuldung“? Jeder Sparer. Egal ob er direkt Staatsanleihen mit extrem tiefer Rendite kauft, einen Rentenfonds, eine Kapitallebensversicherung oder ein Tagesgeld- oder Sparkonto bei der Bank hat. Schon jetzt handeln deutsche Bundesanleihen mit einjähriger Laufzeit bei 0% Rendite. Zehnjährige Bundesanleihen liegen knapp über 2%. Rechnet man davon noch die Steuer ab, bleiben bestenfalls 1,5% übrig bei jetzt schon 2,5% Inflationsrate in Deutschland. Das Spiel hat also schon längst begonnen. In England liegt die Inflationsrate bereits bei 5% und die zehnjährigen Staatsanleihen rentieren bei 2,2%. Das zeigt, was eine Notenbank, die mit der Regierung kooperiert, bewegen kann.

Steigende Baugeldzinsen zum Jahresende möglich

Sollten also die Schleusen der EZB in den nächsten zwei Wochen geöffnet werden, dann sollte das zu fallenden Zinsen in den Krisenländern führen, während die Zinsen für längere Bundesanleihen vorerst deutlich steigen könnten, da viele Investoren ihre spekulativen Positionen „Short Krisenländer – long Bundesanleihen“ schließen würden. Ein deutlicher Anstieg der Baugeldkonditionen gegen Jahresende könnte die Folge sein. Mittelfristig gehen wir aber davon aus, dass die EZB alles daran setzen wird, die Zinsen grundsätzlich in Euroland sehr tief zu halten. Das sollte 2012 auch deutschen Hypothekenkunden wieder zu Gute kommen.

Tendenz:
Kurzfristig: aufwärts
Mittelfristig: seitwärts

Quelle: Prohyp 02.12.2011

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